Sandra , Psychologin

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“Für mein Studium musste ich ein Darlehen aufnehmen.”

Lesedauer 3 min.

Zürich // 07. Februar 2023


Ich bin in einer Working Poor Familie aufgewachsen, in welcher immer alle Familienmitglieder 100% oder sogar mehr gearbeitet haben. Trotzdem war das Geld aufgrund der schlechten Löhne immer sehr sehr knapp.

Am ehesten bewusst wurde mir die prekäre Situation, als ich studieren wollte und keine Stipendien bekam. Ich merkte, dass Studieren als Kind aus einer Working Poor Familie eben doch etwas schwieriger ist. Ich habe unzählige Stipendien beantragt. Kein einziges habe ich bekommen. Weil auf dem Papier (beziehungsweise auf der Steuererklärung meiner Eltern) hatten meine Eltern - gemäss den Behörden - genug Geld, um mich zu unterstützen. 

Die Realität war aber die, dass meine Eltern privat relativ hoch verschuldet waren, denn für die Anzahlung der Hypothek hatten sie bei Verwandten Geld ausgeliehen. Gleichzeitig unterstützten sie auch Verwandte und andere Familien finanziell. Familien, die noch weniger hatten als wir. 

Fürs Gymnasium und fürs Studium musste ich darum Darlehen aufnehmen. Das Darlehen fürs Gymnasium war mit 12'000.- Franken eine halbwegs überschaubare Summe, welche ich noch vor Beginn des Studiums zurückzahlen konnte. Aber das Darlehen fürs Studium belastete mich emotional und psychisch sehr. Ich hatte immer im Hinterkopf: «Wenn ich das Studium fertig habe, dann habe ich 32’000.- Franken Schulden, welche zurückbezahlt werden müssen!».

Um dieses Darlehen zurückbezahlen zu können, habe ich sehr früh angefangen zu arbeiten und habe sehr sparsam gelebt. Ich habe Jobs angenommen, die nicht gut für mich waren, die mich krank gemacht haben. Aber ich war auf den guten Lohn angewiesen, um irgendwie das Darlehen zurückzahlen zu können.

Während dem Studium habe ich immer ganz offen über meine finanzielle Situation und meine Schulden gesprochen. Ich glaube, das war eine Art Bewältigungsstrategie, um mit diesem Problem umgehen zu können. Ich wollte kein Geheimnis daraus machen. Gleichzeitig fand ich es - und finde es immer noch - wichtig, dass Menschen zu diesem Thema sensibilisiert werden, da es gesellschaftlich ein riesiges Tabu ist. Ich wollte aufzeigen, dass Studieren in der Schweiz ein Privileg ist und nicht alle die gleichen Chancen haben.